Interview mit Claus Rättich, Mitglied der Geschäftsleitung NürnbergMesse.

Herr Rättich, Sie begleiten als einer der „Macher“ von BioFach und
Vivaness die Entwicklung der Branche schon mehr als zehn Jahre. Was
begeistert Sie besonders?
Nun, zum Einen sicherlich die Tatsache: Hier haben Menschen mit einer
echten Berufung einer wirklich guten Idee zum Durchbruch verholfen. Und
dies in einer Art und Weise, die weltweit ihres Gleichen sucht. Das ist
schon bewundernswert und beeindruckt mich sehr. Genauso wie natürlich
die Aussteller der BioFach und Vivaness selbst, mit ihrer Vielfalt an
Charakteren und Produkten, ihrem Einfallsreichtum und ihrer
Beharrlichkeit. Privat kaufe ich nicht ausschließlich Bioprodukte, umso
mehr nutze ich die BioFach, um mich immer wieder aufs Neue von der
Einmaligkeit ökologisch erzeugter Lebensmittel begeistern zu lassen.
Was sind die wichtigsten Trends und Entwicklungen, was erwartet die Branche 2010 zu BioFach und Vivaness?
Einer der wichtigen Trends der letzten Jahre liegt sicherlich in der
wachsenden Bedeutung des ökologischen, sozialen und ökonomischen
Zusatznutzens von Produkten wie zum Beispiel Nachhaltigkeit, Fairness
und soziale Verantwortung. Wir greifen diese gesellschaftlich
relevanten Fragen beispielsweise mit unserem Thema des Jahres Organic +
Fair auf. Hersteller können auf der Sonderfläche die fairen Aspekte
ihres Unternehmens und ihrer Bio-Produkte in den Fokus rücken.
Organic + Fair geben wir 2010 den gleichen Stellenwert wie sonst einem
Land des Jahres. 2008 begeisterten bereits die Schwerpunktthemen
Bio-Wein und Naturkosmetik die Fachbesucher.
Darüber hinaus erwarten unsere Besucher natürlich bekannte Highlights
wie die Weinhalle 4A mit dem neuen Internationalen Weinpreis MUNDUSvini
BioFach, die Naturschönheit Vivaness und die Textil-Area, die 2009 ihre
Premiere feierte. Und wie immer können sich Fachbesucher in speziellen
Foren des Kongresses über alle unsere Sonderthemen intensiv informieren
und austauschen. Zuletzt nahmen an den weit mehr als 100
Veranstaltungen von BioFach Kongress und Forum Vivaness rund 8.000
Besucher teil.
Über viele Jahre konnte sich der internationale Bio-Markt über ein
rasantes Wachstum freuen. Trotz der Wirtschaftskrise wächst der Markt
für Bio-Produkte weiter – wenn auch etwas langsamer. Was sind die
wichtigsten strukturellen Veränderungen, vor welchen Herausforderungen
steht die Branche nach aktuell?
In der Tat scheint sich der Markt derzeit sehr dynamisch zu verändern,
traditionelle Strukturen brechen auf, sie stehen auf dem Prüfstand, und
neue Vertriebswege etablieren sich. Die Branche ordnet sich neu. In
Deutschland zeichnet sich ein Plus für den Fachhandel ab, während
Discounter laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), Nürnberg,
Deutschland, ein Minus von etwa 6 % hinnehmen mussten. In Zeiten wie
diesen scheint der Fachhandel wieder besser abzuschneiden. Dies liegt
Experten zufolge an der Kundenstruktur in diesem Handelssegment, das
traditionell weniger von den Gelegenheits-, als den überzeugten
Intensivkäufern frequentiert wird. Eine Herausforderung liegt auch in
der Veränderung und der Dynamik der unterschiedlichen Vertriebswege.
Neue, starke Marktteilnehmer bringen natürlich Bewegung in die gesamte
Branche. Eine Positionierung der eigenen Marke wird für Herstellung und
Handel immer wichtiger.
Auch international verändert sich der Markt für Bio-Produkte. Das
stärkste Wachstum verzeichnen traditionell Europa und die USA.
Voraussichtlich hinterlässt die Wirtschaftskrise in Ländern, die
besonders stark betroffen sind – dazu zählen auch die USA – ihre Spuren
auch in der sonst so wachstumsverwöhnten Branche.
Insgesamt beobachten wir eine kritischere Berichterstattung über
Bio-Themen. Nach dem großen Boom scheint die Öffentlichkeit den
Vertrauensvorschuss, den die Branche und ihre Produkte lange bekamen,
stärker zu hinterfragen. Das gilt übrigens auch für Konsumverhalten und
-motivation der neu erschlossenen Bio-Zielgruppen und die öffentliche
Diskussion um strategischen Konsum. Vielleicht ist das auch eine Folge
des jahrelangen rasanten Wachstums.
Was bedeutet dies für die Weltleitmesse BioFach und die parallel stattfindende Vivaness?
Wir rechnen derzeit mit einer Verkleinerung des Messe-Duos BioFach und
Vivaness um etwa 10 %. Das haben wir uns als Veranstalter nicht
gewünscht. Dennoch glaube ich, angesichts dieser Zeiten ist dies ein
gutes Ergebnis.
Die internationalen Beteiligungen leiden unter dem Wegfall von
staatlichen Fördergeldern für Gemeinschaftsstände. Wahrscheinlich
entwickelt sich die Auslandsbeteiligung so aber auch ökonomisch
nachhaltig. Internationale wie deutsche Hersteller reduzieren in
Krisenzeiten ihr Marketingbudget. Manche deutsche Aussteller waren mit
dem Wegfall des Sonntags nicht glücklich – ganz anders die
internationalen Gäste. Wir werden natürlich alles tun, um den Samstag
als letzten Messetag so attraktiv wie möglich zu gestalten. Das gilt
auch für das Kongressprogramm. Ich bin optimistisch: Es wird uns
gelingen.
Den Rückgang von 205 auf etwa 180 Aussteller der Vivaness führen wir
auf die Neustrukturierung von Vertriebspolitik und -wegen sowie die
Markenpositionierung unserer Kunden zurück.
Wie reagieren Sie als Messeveranstalter auf diese Situation?
Für uns stehen die unternehmerischen Erfordernisse und Wünsche unserer
Aussteller und Besucher bei der konzeptionellen Ausrichtung von BioFach
und Vivaness im Vordergrund. Mit unseren Kunden sind wir daher in
ständigem Gespräch. Selbstverständlich haben aber nicht alle immer die
gleichen Wünsche und Zielsetzungen. Die konsequente B-to-B-Orientierung
hat eine sehr hohe Priorität ebenso wie die Erschließung neuer
Zielgruppen – bei der Vivaness aktuell zum Beispiel Apotheken und
Parfümerien.
2010 haben wir die Hallen neu aufgeplant: Die deutschen
Fachhandelsmarken der Branche präsentieren sich konzentriert in den
Hallen 6, 7 und 9. Die Textil-Area sowie der Naturwarenbereich werden
von Halle 7 in Halle 8 verlegt. Wir schließen die 2009 nur teilweise
gefüllten Hallen 3 und 10. Die Aufplanung wird damit kompakter und die
Orientierung einfacher. Das garantiert einen noch effizienteren
Messeauftritt
und -besuch.
Die Non-Food-Segmente Textil, Naturwaren, Wasch- und Reinigungsmittel
sind wie die Vivaness 2010 jeweils in einer separaten Halle
zusammengefasst. Gleichzeitig schärfen wir das Profil der BioFach durch
eine stärkere Konzentration des Angebotsbereichs Lebensmittel. Wir
erwarten dadurch eine noch höhere Besucherdichte sowie wachsende
Kundenzufriedenheit.
Worin liegt aus Ihrer Sicht die Bedeutung von BioFach und Vivaness für die internationale Bio-Branche?
Für uns wird immer offenkundiger: Die Kunden sehen Messen weniger
vertriebsorientiert als früher. Messen sind Orte der Branchenbegegnung,
dienen der Kunden- und Netzwerkpflege. Sie fördern einerseits den
Verkauf, aber auch die Positionierung der Unternehmens- und
Produktmarke. Der Branche wird durch die Messe – das gilt besonders für
eine Weltleitmesse – eine mediale Aufmerksamkeit zuteil, die ein
einzelnes Unternehmen nie erreichen könnte. Hierin liegt auch ein
wichtiger Aspekt der Funktion von BioFach und Vivaness. Sie sind
Lobbyveranstaltung. Immerhin treffen sich auf dem Messe-Duo auch 1.200
Medienvertreter und eine Vielzahl politischer Multiplikatoren. 2009
beispielsweise alleine 23 Minister sowie der 15-köpfige deutsche
Bundestagsausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz.
Für die Entwicklung der Branche hat die Messe politische und
gesellschaftliche Relevanz, die weit über die unmittelbare
unternehmerische Bedeutung hinaus reicht.
Die Branche sollte sich die Deutungshoheit für das Thema Bio, Fairness
und Nachhaltigkeit nicht aus der Hand nehmen lassen. Und wo, wenn nicht
hier bei uns, trifft sich der Markt in seiner Gesamtheit, um gemeinsam
die Zukunft zu gestalten?
Stets aktuelle Produktinformationen der Unternehmen unter:
www.ask-BioFach.de und www.ask-Vivaness.de
Quelle:
www.biofach.de