Offener Brief an die österreichischen Medien

Offener Brief an die österreichischen Medien

Sehr geehrte Redakeurinnen und Redakteure!

Es ist schon wieder geschehen. Wieder sind Menschen an den Grenzen der Europäischen Union qualvoll ertrunken. Wieder dieselbe Schlagzeile. Wieder die Steigerung der namenlosen Zahl toter Flüchtlinge. Ihre sehr kurz gegriffenen Darstellungen über die nunmehr 28.000 Toten seit dem Jahr 2000, veranlassen mich, diesen Brief zu schreiben.

Diese Zeilen entstehen nicht, weil Sie einem Teil Ihres Auftrages, nämlich dem der bloßen Berichtlegung über Fakten, nicht nachkommen würden. Dieser Brief möchte Sie daran erinnern, Ihrem ganzen Auftrag gerecht zu werden. Als sogenannte „Vierte Gewalt“ haben Sie unschätzbare Macht wenn es darum geht, die Menschen tiefgreifend aufzuklären, öffentliche Debatten in Gang zu setzen und damit den zivilgesellschaftlichen Druck auf die Regierenden zu aktivieren, der niemals notwendiger erscheint, als in Zeiten der Krise.

Wir befinden uns in einer Krise, wenn Monat für Monat vorhersehbare Todesmeldungen über uns herein brechen und einer der reichsten Gesellschaften der Welt kaum etwas anderes übrig zu bleiben scheint, als in Empörung, Apathie oder im Schock zu verharren. Wir befinden uns in einer Krise, wenn dominante Medien- & Politikschaffende denken, sie würden ihrer Verpflichtung genüge tun, wenn sie bloß über Zahlen sprechen, nicht aber über Hintergründe aufklären. Die Krise wird zudem angeheizt, wenn keine Aussicht auf Veränderung existiert und wenn weder über klare Verantwortungsübernahme, noch über sinnvolle Lösungsvorschläge gesprochen wird. Es ist deshalb auch eine Krise der Medien: Weil einem seltenen Flugzeugabsturz erwartungsgemäß enorm viel mehr Platz eingeräumt wird, als jenen Menschen, die auf der Flucht nach Europa beinah’ systematisch sterben müssen. Und vor allem befinden wir uns in einer demokratiepolitischen und ethischen Krise, wenn die Mächtigsten innerhalb unseres Landes offensichtlich davon ausgehen, dass unzählige politische Tote ohne gesellschaftlichen Schaden einfach hingenommen werden können.

Krisenzeiten sind auch eine Chance, geehrte Redakeurinnen und Redakeure. Sie geben uns als nationale Gemeinschaft in einem globalen Kontext die Möglichkeit, neue Wege des Zusammenlebens auf unserer Welt zu diskutieren. Doch dazu brauchen wir pro-aktive, bewusstseinsfördernde und kritikfähige Medien, die sich nicht damit begnügen, eine klanglose Statistik nach der anderen zu publizieren. Dazu brauchen wir Medien, die Folgendes verstehen: Das Gegenwärtige ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Teil unserer Geschichte. Einer Geschichte mit wichtigen Zusammenhängen, die nachvollzogen werden müssen, über die berichtet werden muss: Damit wir als Einzelne und als Gesellschaft aus unseren Fehlern lernen können.

Andernfalls wird das Gegenwärtige bleiben, wie es ist: Flüchtlinge werden weiterhin zu Zigtausenden ertrinken und Menschen werden auch zukünftig in den sicheren Tod abgeschoben – wenn wir uns der österreichisch-europäischen Maßnahmen nicht bewusst werden, die einen enormen Beitrag dazu leisten, dass die Krise (weltweit) existiert. Und das, geehrte Medienschaffende, ist auch ein Teil Ihrer Arbeit. Ich meine, es zählt zum Wichtigsten, dass Sie bereit stellen können: Reflexion & Diskussion – in historischer, gesellschaftspolitischer, wirtschaftlicher Perspektive. Welches Ziel verfolgen Sie als Redakteurinnen und Redakteure? Jenes, das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein zu stärken? Verantwortungsübernahme zu befähigen? Zukunftsaussichten zur Diskussion zu stellen? Wer denken Sie, ist Ihre Zielgruppe? Mündige Bürgerinnen und Bürger? Das hoffe ich, inständig. Vor allem in so schwierigen Zeiten.

In tiefer Bestürzung, auch über Ihr Schweigen,

Elisa Ludwig
Ein Kind von Flüchtlingen, die nicht im Meer ertrunken sind.

Quelle:
http://veganlife.at/

Letzte Änderung amSamstag, 18 April 2015 08:47

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