2. News vom Weltenwanderer

Gregor Sieböck: Zu Fuß rund um den Globus – Nachricht von unterwegs.

 

Gregor Sieböck startete seine 2. Weltenwanderung am 21.7.08 am Wiener Stephansplatz – BIO-TV berichtete. Sein Engagement gilt einem bewussten Umgang mit unserem Planeten. Regelmäßig wird er uns informieren, wo ihn seine Wegkreuzungen hinführen. Zur ersten Nachricht vom 19.9.2008.

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Gregor Sieböck und Reinhold Richtsfeld

Hier seine zweite Nachricht:

Liebe Freundinnen und Freunde!

 

Ein kalter Schneewind blies mir ins Gesicht als ich früh am Morgen aus der Kathedrale von Vezelay trat. Meine Gedanken waren noch bei der morgendlichen Andacht und den wundersamen Gesängen der Mönche und Nonnen. Doch kaum war ich im Freien hörte ich auch schon ein lautes Geschnatter am Himmel. Hunderte Wildgänse waren auf dem Weg nach Afrika und flogen über die Kathedrale hinweg. Was für ein faszinierender Anblick! Vor mir spazierte ein junges Paar. Als sie die Wildgänse sahen, begannen sie voller Freude über den Vorplatz der Kathedrale zu tanzen. Ach die Liebe, glücklich wer sie im Herzen trägt!

Auch ich war glücklich, war ich doch gerade am Ende einer langen Pilgerwanderung durch Europa angelangt. Am Vortag hatte ich spontan entschieden, für heuer die Wanderung in dem alten Pilgerzentrum von Vezelay zu beenden. Es hatte geregnet und der Wind blies mir mit all seiner Kraft die Regentropfen ins Gesicht. Eigentlich hatte ich im Sinn noch bis zum Labyrinth in der Kathedrale von Chartres zu wandern aber ich spürte, dass ich dort überhaupt nicht mehr hinwandern musste: Das Labyrinth war bereits wegen Winterpause geschlossen und in Gedanken hatte ich es bereits hunderte Male erwandert. Warum um alles in der Welt sollte ich daher am scheinbaren Ziel festhalten und im Regensturm durch die Lande ziehen? Wem wollte ich da etwas beweisen? Eine Erkenntnis, die ich übrigens zwei Eseln zu verdanken habe. Kurz vor Vezelay trat ich aus dem Wald auf eine große Wiese hinaus auf der zwei Esel weideten. Als sie mich sahen wie ich mit meinem großen Rucksack durch den Regen stapfte, begann einer von den beiden laut zu schreien. Es war ein theatralischer Auftritt und ich dachte: Der Kerl lacht mich aus! Das gibt’s ja nicht, aber er hat Recht! So beschloss ich, an diesem Tag meine Wanderung aufzuhören und war auf einmal so froh über die Entscheidung. Vezelay war auch genau der richtige Ort, um mit Freuden in die Winterpause zu gehen. Hier kreuzen sich nämlich vier große Pilgerwege, und so stand ich genau auf der Wegkreuzung vor der Kathedrale als ich zu den Wildgänsen am Himmel hinaufblickte. Ich freute mich über die Magie des Lebens und war den beiden Eseln sehr dankbar. Aber nun erzähle ich Euch mal ein paar Geschichten von der Wanderung der vergangenen Monate.

Sie kam wie ein Wirbelwind. Auf einmal stand sie vor uns. Es regnete in Strömen. André, Andi und ich hatten im Musikpavillion vom Alta Badia vor Wind und Wetter Zuflucht gesucht. Von einem Ende des Pavillons zum anderen flatterte unsere nasse Wäsche auf der Leine und wir hatten am Boden alle unsere Sachen ausgebreitet: Die Schlafsäcke, Kocher, Landkarten und vieles mehr. All das präsentierten wir an diesem Abend dem Musikpavillonpublikum von Alta Badia. Nur eine hat sich von diesem Trara der Vagabunden nicht abschrecken lassen und war auf einmal da. Julianna strahlte über das ganze Gesicht, trotz dem unwirtlichen Wetter, und freute sich auf die gemeinsamen Wandertage durch die Dolomiten. Sie kam vorbei und brachte so viel Freude und Lachen mit, dass ich ihr dieses Geschenk nie vergessen werde. Selbst als wir zwei Tage später durch unseren ersten Hagelsturm auf dem Hochplateau des Schlern wanderten, war ihre Freude ungebrochen und noch nie habe ich vorher jemanden mit Rucksack am Weg im Regen tanzen gesehen. So zogen wir durch die Lande. Bald entdeckten wir Tischfussball als unsere große gemeinsame Leidenschaft und spielten fortan immer wieder. Einmal kamen wir an einem Gasthof vorbei, da stand mitten in der Wiese ein Tischfussballtisch. Sogleich war eine Pause angesagt und wir lieferten uns ein wildes Turnier. Dann ging es wieder weiter in Richtung Bozen. Die Magie des Augenblicks, wir lebten sie in voller Freude! Und zur Feier des Tages, dass wir die Dolomiten gut durchwandert hatten feierten wir in Bozen bei einer herrlichen Pizza und frischem Traubensaft die Magie des Lebens.

Julianna musste wieder heim auf die Uni und André und ich wanderten fortan alleine weiter. Wir hatten uns ein großes Ziel gesetzt, denn wir wollten in zehn Tagen von Bozen nach Vals im Graubündner Land wandern: 300 km über viele hohe Alpenpässe. André war seit einigen Wochen mit dabei. Wir hatten uns vor vielen Jahren in Patagonien getroffen. Er war damals mit dem Rad durch Lateinamerika unterwegs, während ich zu Fuß durch die Lande zog und im Februar entschieden wir spontan zusammen zu wandern. Er erzählte von der Felsentherme in Vals, einem faszinierenden Thermalbad inmitten der Schweizer Bergwelt, und dort wollten wir Abschied feiern, denn André war wieder am Absprung nach Patagonien. Wir wanderten auf uralten Waalwegen an Bewässerungskanälen entlang, durch Weinberge und Täler. Dann ging es hinein in die Berge: Schnee, Eis und Kälte. Das Wetter war magisch: Immer Sonnenschein! Im Tal wuchsen Hagebutten, Brombeeren und Holunder und in den Bergen fanden wir viele Preiselbeeren. So hatten wir oft ein wunderbares Essen. Die Nacht verbrachten wir meist unter freiem Himmel im Schlafsack. Sterne, Mond, Schnee und mitunter Eiseskälte, doch dann waren wir auch wieder froh über eine wärmende Stube. Einmal kamen wir des Abends auf eine Alm. Die Tür zum Stall war offen und eine alte Holztreppe führte in den Dachboden. Ich folgte ihr und da war ein Raum mit zwei Betten. Was für ein Geschenk! In der Nacht wurde es draußen bitterkalt, der Raureif fiel und wir waren glücklich über die warme Bleibe. Und dann hatten wir es nach Vals geschafft. Wir badeten den ganzen Tag, schwammen durch die Felsengrotte, saßen im Rosenbad, lagen in der Sonne und feierten.

Ich wanderte einige Tage alleine weiter. In einer Vollmondnacht zeltete ich auf einer einsamen Alm. Mitten in der Nacht schrak ich durch ein sonderbares Geräusch auf. Es schien als käme es aus einer längst vergangenen Zeit und hörte sich an wie das Rattern von einem verwunschenen Holzfuhrwerk einer Sagengestalt. Doch dann raschelte auch noch das Gras ganz in der Nähe von meinem Zelt. Der Kerl musste bereits sehr nahe sein, dachte ich. Vorsichtig späte ich aus dem Zelt hinaus und dann war mir alles klar. Zwei Hirsche waren gerade in einen heftigen Geweihkampf verwickelt und schlugen, gerade einmal ein paar Schritte von meinem Zelt entfernt, mit einem wilden Getöse aneinander. Nach langem hin und her begann einer von den beiden inmitten der Vollmondnacht zu röhren. Es war schaurig schön.

Es ging weiter durch ein kleines Dorf in den Schweizer Bergen, kurz vor der französischen Grenze. Es regnete und der Nebel versperrte den Blick ins Tal. In einem kleinen Laden brannte Licht und ich sah eine alte Frau hinter dem Ladentisch. Unsere Blicke trafen sich kurz, doch ich zog weiter. Dann drehte ich mich aber doch nochmals um und sah wie die alte Frau vor die Tür trat. Ich kehrte um. Sie führte einen winzigen Kramerladen und erzählte mir, dass sie seit Jahrzehnten im Laden arbeitete, doch nun war sie knapp davor zu schließen. Kaum jemand würde noch bei ihr einkaufen, denn die Jungen fuhren alle mit dem Auto in die großen Supermärkte. Sie erzählte aus ihrem Leben und so kaufte ich ihr noch eine Tafel Schoki ab. Sie schenkte mir zwei alte Postkarten und ich lud sie zum Kaffee ein. Eine der magischen, ganz einfachen Begegnungen. Als ich später wieder in den Regen hinaustrat und zum Mont Blanc weiterwanderte, waren meine Gedanken noch lange bei der alten Frau. Die Begegnung hatte uns beiden eine große Freude bereitet und der Nebel leuchtete fortan auch in einem anderen Licht. Alles schien fröhlicher zu sein.

Eine andere schöne Begegnung geschah am Abend des Allerheiligentages. Ich war den ganzen Tag durch knietiefen Schnee gestapft und war sehr müde als ich zur Dämmerung am Col des Avaris ankam. Die Tür zur Kapelle der heiligen Anna war noch offen und Licht schien auf den Weg heraus. So trat ich ein und begann Pilgerlieder zu singen. Überall brannten Kerzen. Auf einer las ich dann, dass die heilige Anna die Schutzheilige aller Reisenden war. So zündete ich noch eine Kerze für die Reisenden an und trat dann wieder in die Kälte hinaus. Gegenüber der Kapelle gab es einen Souvenirladen und bald kam ich mit der Frau vom Laden ins Gespräch. Sie lud mich ein, in der Kapelle zu nächtigen denn sie meinte es wäre viel zu kalt, um im Freien zu übernachten. So verbrachte ich die Nacht im Kerzenschein in der Kapelle der heiligen Anna. Es war ein mystischer Ort und ich spürte wieder einmal, dass es da noch so viel mehr gab im Leben als es den Anschein hatte. Voller Lebensfreude wanderte ich am nächsten Morgen weiter und am Weg begegnete ich wieder der Frau vom Souvenirladen. Sie meinte, ich solle wieder bei ihr übernachten, da sie im nahe gelegenen Annecy wohne und so schaute ich abends nochmals bei ihr vorbei. Sie erzählte mir, dass sie sechs Tage die Woche jeweils neun Stunden im Souvenirladen arbeite und sonntags noch einer anderen Arbeit nachginge. Daneben blieb kaum Zeit für anderes, doch die Rechnungen müssten eben bezahlt werden und das Leben sei teuer geworden. Sie hatte ein Auto, ein Handy, einen großen Fernseher und eine Wohnung in der so viele Sachen herumstanden, dass es mir eng wurde. Wie konnte sie nur so leben; wo doch kaum Zeit blieb zum Nachdenken, zum Spazierengehen, zum Träumen? Ich erzählte ihr aus meinem Leben, vom Wandern, der Einfachheit des Lebens und der Herausforderung, dass ich mir bewusst Zeit lassen und weniger eilen wollte. Immer wieder sagte sie: „Gregor, du kommst wie aus einer anderen Welt“ und am nächsten Tagen, als sie in ihr Auto einstieg und ich meinem Rucksack schulterte blickten wir uns noch einmal in die Augen. Ich sah ihren sehnsüchtigen Blick und dann gingen wir wieder unsere Wege.

Julianna kam im Herbst nochmals vorbei und wir fanden viele verzauberte Zeltplätze in Weingärten und Wäldern in Frankreich. Die Winzer im Beaujolais hatten süße Weintrauben für Vagabunden, Pilger und Wildtiere auf den Reben belassen. Sie meinten wir könnten so viele essen wie wir nur wollten. Das war eine Einladung! Ja und wir hatten nicht nur Weintrauben, um unsere Feste zu feiern. Zu besonderen Anlässen teilten wir immer wieder mal ein Stück herrliche Schokolade, die uns Josef Zotter mit auf den Weg gegeben hatte (ihr könnt Euch das Schokoladetagebuch unter www.zotter.at in der Rubrik „Das ist Zotter“ im Unterpunkt „Projekte“ mit schönen Geschichten und Fotos anschauen.)

So zog ich nun vier Monate durch die Lande. Auf dem ganzen Weg begleitete mich immer wieder die Veränderung. Ein Prozess ständiger Wandlung verwirrt, birgt in sich aber auch Wege des Wachstums. In diesem Widerspiel aus Verwirrung und Erkenntnisse ist der Prozess des Gehens und Erfahrens eben spannend. Am Anfang der Reise hatte ich mir fest vorgenommen, diesmal ohne Ziel zu wandern und doch kam immer wieder der Wunsch eines zu finden in mir auf. Indem ich mich aber auf die Wegkreuzungen einließ, änderte sich auch das Ziel immer wieder. Das Zusammenspiel aus einem Ziel, dass mir einen klaren Blick in die Zukunft schenkte, und einem offenen Weg, den ich immer wieder ändern konnte, fand ich spannend. Und überhaupt das Ziel, wo ist es? Werden wir es je erreichen oder ist es einem Regenbogen gleich, der sich bei unserer Annäherung immer weiter entfernt? Geht es vielleicht gar darum, den Regenbogen selber schätzen zu lernen, sich an seinen Farben zu erfreuen und sich von seiner Schönheit verzaubern zu lassen? Das erfordert auch Zeit. Ich spüre immer mehr, dass die Zeit mich nicht mehr so sehr beherrschen kann wie noch vor einigen Monaten. Ich nehme mir Zeit zum Leben und nur manchmal verfalle ich in Eile, sodass ich dann mit meinen Gedanken schon wieder ganz woanders bin. Die Gedanken sind ungestüm, doch indem ich mich bewusst auf den Weg einlasse, indem ich mich auf die Menschen einlasse, die um mich sind, gelingt es schön langsam diese wilden Gedanken zu zähmen. Alles braucht seine Zeit, vor allem das bewusste Leben und auch die Veränderung. Es ist schön jeden Augenblick möglichst achtsam zu leben, die Fragen im Leben zu lieben und so kommen die Antworten oft ganz von alleine.

Mit diesen Gedanken gehe ich nun in die Winterpause. Wie es weitergehen wird bleibt offen. Ich möchte mich nun auch ganz auf den Augenblick konzentrieren und mit meinen Gedanken nicht schon wieder vorauseilen. Einige Vorträge und das Buchschreiben stehen genauso an wie Schlittenfahren und Schneeschuhwandern und dann werden wir ja sehen wie es weitergeht wenn der Frühling kommt.

Ich wünsche Euch alles Gute und schicke Euch viele liebe Wandergrüße!

Euer Gregor

 

 

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